China: Entzaubert

Die Aufsteigermächte müssen vom Rekordwachstum Abschied nehmen. Das autoritäre Modell stößt an Grenzen. Chinas Wachstum hat sich gegenüber der Rekordmarke von 14,2% fast halbiert. Der Motor der berauschenden Performance war und bleibt der Export, der beim aktuell lahmenden Welthandel natürlich Chinas Wachstum verlangsamt. Im Aufschwung werden die BRIC-Staaten mit China wieder zulegen. Dennoch: Dahinter wirken Kräfte, die den Wachstumstraum dauerhaft stören werden.

Der rasante Aufstieg der vier BRIC-Staaten wiederholte die Entwicklung Japans und der kleinen asiatischen “Drachen” wie Taiwan und Südkorea, deren Wachstum am Anfang auch zweistellig war und inzwischen abflachte oder gar gen null wie in Japan geht. Das zentrale Problem aber ist das “asiatische Modell” der “autoritären Modernisierung” – nennen wir es “Modernitarismus”. Ob bei den “kleinen Drachen” damals oder beim ganz großen chinesischen heute, das Modell war immer gleich: Unterkonsum, Überinvestition, Unterbewertung der Währung, Export über alles. Obendrauf thronten autoritäre Regime: in Taipeh und in Seoul, in Peking unter Deng Xiaoping, die den Markt durch Macht ersetzten. Japan war zwar formell eine Demokratie, in Wahrheit aber ein Ein-Parteien-Staat am Zügel der LDP.

Der Modernitarismus vollbringt am Anfang Wunder. Aber auf Dauer ist das Modell nicht effizienter als der demokratische Kapitalismus mit seinen Krisen. Wenn nicht mehr Panzer sondern Mikrochips gefordert sind, versagt die Befehlswirtschaft. “Humankapital” muß motiviert, nicht kujoniert werden. Um auch nur mit dem Westen mitzuhalten, braucht es den Rechtsstaat, freiheitliche Institutionen und freie Märkte, vor allem für Kapital. Alle diese Geburtsfehler bekommt China jetzt zu spüren. Das Land investiert fast die Hälfte seines BIP (USA: zehn Prozent). So viel Konsumverzicht schafft eine Demokratie nie. Es ist ein Fluch obendrein. Weil Kapital, von den Staatsbanken an Favoriten und Staatsfirmen verschleudert, zu billig ist, wird es falsch eingesetzt. Weil Kapitalmärkte fehlen, gehen Ersparnisse in Immobilien. Davon zeugen in China Millionen leerstehender Wohnungen. Regiert der Staat die Wirtschaft, regieren auch Korruption und Nepotismus.

Ein Konkurrenzvorteil Chinas, die riesige und unerschöpfliche Arbeitskraftreserve auf dem Land, schwindet . Kein Land altert schneller als China. Bereits ab 2015 wird die arbeitende Bevölkerung schrumpfen (Amerika und Indien bleiben hingegen jung). Der “Economist” sagt voraus, dass die Arbeitskosten in der chinesischen Industrie 2015 das US-Niveau erreichen werden – schlechte Aussichten für die “Weltfabrik” China. Der Modernitarismus ist gut für den Anfang. Doch wächst mit der Wirtschaft auch die Bedrohung. Die eine heißt “Ungleichheit”, die andere “erst reicher, dann renitent”. Die Schicksalsfrege : wie lange kann die chinesische KP das Volk trotz schrumpfender Verteilungsmasse stillhalten. Demokratien haben den Vorteil der Selbstkorrektur, die im freien Spiel der Kräfte und Gedanken wurzelt. Dagegen sind die Fesseln der Autoritären systembedingt. Deshalb warnt ihr aufhaltsamer Aufstieg: Das Wunder zerstört sich selber. (Die Zeit, 18.7.2013)

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