Lesevorschläge September 2017

 

Undiné Radzevičiūtė

Fische und Drachen
aus dem Litauischen übersetzt von Cornelius Hell

Lakonisch und absurd wie ein Zen-Dialog, faszinierend und bilderreich wie eine Zeitreise: der große Roman einer wahrhaft kosmopolitischen Autorin.

Drei Frauengenerationen teilen eine Altstadtwohnung mitten in Chinatown: Großmutter Amigorena, Mama Nora, Autorin erotischer Kriminalromane, sowie deren erwachsene Töchter Miki und Schascha. Täglich tragen sie auf engstem Raum mit rasantem Witz ihre absurden Wortgefechte aus. Auch Schascha schreibt, allerdings über den geheimnisvollen Jesuiten und Maler Giuseppe Castiglione, der 1715–1766 am Hof des Kaisers von China lebte, doch statt diesen zu missionieren, immer tiefer in die chinesische Kultur und ihre Rätsel eintauchte. Ein umwerfend komischer Roman über zwei Kulturen, die sich anziehen und bekämpfen, verehren und missverstehen, über eine Faszination, der Schascha genauso erliegt wie Jahrhunderte vor ihr der Jesuit Castiglione.

400 Seiten
Format 125×205 Hardcover
EUR 24,00

ISBN: 9783701716760
ISBN ebook: 9783701745449

Erschienen am 14. Februar 2017.

Undine Radzeviciute im Deutschlandfunk:

http://www.deutschlandfunk.de/schriftstellerin-undine-radzeviciute-politik-interessiert.700.de.html?dram:article_id=395402

Als Audio:

 

Cover: Die Kinogänger von Chongjin

Die Kinogänger von Chongjin

Eine nordkoreanische Liebesgeschichte
Droemer Knaur Verlag, München 2010
ISBN 9783426274385
Gebunden, 432 Seiten, 19,95 EUR

Klappentext

Liebe in Zeiten der Diktatur: Vor dem Kino in Chongjin begegnen sich zwei junge Menschen. Bald schon entspinnt sich eine Beziehung zwischen ihnen, aber die gnadenlosen Lebensverhältnisse in Nordkorea lassen kaum Leidenschaft zu. Für das Volk hält das Regime nur härteste Entbehrungen bereit – und strikte Denkverbote. Der größte Wunsch: dem Schattenreich des „geliebten Führers“ Kim Jong Il zu entfliehen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2010

Sehr eingenommen ist Rezensent Christan Y. Schmidt von diesem Buch über das Alltagsleben in Nordkorea von Barbara Demick. Die amerikanische Journalistin hat nach seinen Angaben dafür über Hundert Flüchtlinge befragt, vor allem ehemalige Bewohner der Hafenstadt Chongjin, die von der großen Hungersnot Mitte der 1990er Jahre besonders stark betroffen war. Er attestiert der Autorin, ergreifende Einzelschicksale gekonnt mit Hintergrundinformation zu verbinden. Die Schilderung des alltäglichen Leben der Menschen, des Entstehens großer privater Märkte, der Suche nach Essbaren, der Fluchtversuche scheint Schmidt schlicht brillant. Bisweilen hat er das Gefühl, „kein Sachbuch, sondern einen Roman zu lesen“. Zugleich betrachtet er Demicks dramatische Aufbereitung des Stoffs auch kritisch und weist auf eine kleine Abweichung von der Realität hin, um letztlich aber einzuräumen, dass man nicht zu pedantisch sein sollte. Wie auch immer: für ihn kommt momentan kein Buch auf dem deutschsprachigen Buchmarkt dem nordkoreanischen Alltagsleben näher als dieses.
Im Deutschlandfunk:

Der tägliche Kampf ums Überleben

Barbara Demick: „Die Kinogänger von Chongjin“. Droemer/Knaur

Die neuen Medien machen selbst vor Nordkorea nicht halt, und immer mehr Menschen fliehen aus dem Land, das in einer Art Steinzeitsozialismus verharrt. Die amerikanische Journalistin Barbara Demick hat als Korrespondentin der LA Times in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul mit Flüchtlingen aus Nordkorea Interviews geführt und tiefe Einblicke in das private Leben in Nordkorea sammeln können.

Von Silke Ballweg

Eine riesige nordkoreanische Fahne weht an der Grenze zu Südkorea. (AP)
Eine riesige nordkoreanische Fahne weht an der Grenze zu Südkorea. (AP)

Mit viel Hintergrundwissen angereichert schildert Demick zunächst die Gründung Nordkoreas nach dem 2. Weltkrieg. Aus der Perspektive ihrer Hauptfiguren erzählt sie, wie Staatsgründer Kim Il-Sung das Land ideologisch auf Linie bringt. Die meisten Nordkoreaner mussten damals nach der Arbeit Vorträge hören, öffentlich Selbstkritik üben, Leitartikel aus der Parteizeitung interpretieren und sich im Nachbarschaftskomitee organisieren. Der Einzelne, so die Idee von Kim Il-Sung, sollte sich ganz der Gemeinschaft unterwerfen, sollte in ihr aufgehen. Und diese Gemeinschaft wurde dann von Kim Il-Sung gelenkt, dem gottgleichen Führer, der um sich herum einen fast schon wahnwitzigen Personenkult etablierte.

In Frau Songs Heim hing, wie in allen anderen auch, ein gerahmtes Porträt von Kim Il-Sung an einer ansonsten kahlen Wand. Es war nicht erlaubt, etwas anderes an diese Wand zu hängen, nicht einmal Bilder von Blutsverwandten. Die Arbeiterpartei gab die Porträts kostenlos aus, zusammen mit einem weißen Tüchlein, das in einer unterhalb der Bilder deponierten Schachtel aufzubewahren war. Es durfte nur dazu verwendet werden, die Porträts zu säubern, was besonders in der Regenzeit im Sommer wichtig war, denn dann kroch der Schimmel an den Ecken unter den Glasrahmen und hinterließ hässliche Flecken. Etwa einmal im Monat erschienen unangemeldet Inspektoren der Ordnungspolizei, um zu überprüfen, ob die Porträts sauber waren.

Die von Kim Il-Sung entworfene sogenannte Juche-Ideologie beruhte unter anderem auf dem Gedanken absoluter Autarkie. Die Bevölkerung sollte vom Staat versorgt, jeglicher Handel – auch zum Ausland – sollte unterbunden werden. Aber über Jahrzehnte blieb diese Idee unerfüllt, Nordkorea hing stattdessen am Tropf der Bruderstaaten und war auf Nahrungsmittel, Energie, Medikamente oder Autos aus dem sozialistischen Ausland angewiesen. Der Zusammenbruch der Sowjetunion stürzte Nordkorea deswegen in eine ökonomische Krise. Kurz darauf brach in dem Land eine Hungerkatastrophe aus. Die Nahrungsmittelknappheit bestimmte jahrelang das Leben der Menschen in Nordkorea. Der tägliche Kampf ums Überleben nimmt in Demicks Buch großen Raum ein:

„Sie konnten an nichts anderes denken als daran, wo sie das nächste Essen organisieren konnten. Sie gingen abends mit dem Gedanken ins Bett, morgen nach dem Aufstehen muss ich gleich nachsehen, ob frisches Gras gewachsen ist, das ich abschneiden kann. Wenn nicht, dann kann ich vielleicht irgendwie raus aus der Stadt kommen, vielleicht finde ich dann ja einen Vogel oder ein Stück Rinde. Der gesamte Erfindungsreichtum der Menschen drehte sich nur darum, etwas zu essen zu besorgen.“

Für ein paar Lebensmittel verkauften die Menschen alles, was sie hatten. Sie aßen Insekten, Gras und Frösche. Wegen Unterernährung blieb bei den meisten Frauen irgendwann die Menstruation aus, viele Kinder bekamen Hungerbäuche. Bis zum Jahr 1998 sollen Schätzungen zufolge bis zu einer Million Menschen verhungert sein, jeden Morgen wurden die Toten auf Karren geladen und weggeschafft. Mit der Not wuchsen die Schwarzmärkte, denn immer mehr Nordkoreaner überquerten heimlich die Grenze nach China, um von dort Lebensmittel nach Nordkorea zu bringen:

„Zwei Flüsse markieren die Grenze, der Yalu und der Tumen. Der Tumen ist der Fluss im Norden und er ist an vielen Stellen sehr flach. An einigen Orten ist er nur fünf Meter breit und im Winter vollkommen zugefroren, man kann ihn also leicht überqueren. Es gibt zwar viele Grenzsoldaten aber keine Mauer oder so etwas, nur an manchen Stellen etwas Stacheldraht. Die Leute gehen meisten zwischen den Grenzsoldaten über den Fluss und vor allem auf der nordkoreanischen Seite ist es einfach, die Soldaten zu schmieren. Viele Menschen treiben sowohl legalen als auch illegalen Handel über die Grenze hinweg, viele kaufen Produkte in China und bringen sie wieder nach Nordkorea rein.“

In den vergangenen Jahren sind mehrere 10.000 Nordkoreaner über die Flüsse geflohen, Schätzungen zufolge leben heute rund 100.000 Flüchtlinge in China und tausende weitere in Südkorea. Doch das Land im Süden ist den meisten Nordkoreanern vollkommen fremd und viele schaffen es nicht, sich zu integrieren, sagt Demick:

„Dort sind sie umgeben von Abkürzungen, HDTV, MP3 oder MTV, und sie verstehen das alles nicht, sie kennen ja nicht einmal das westliche Alphabet. Nordkoreanische Studenten haben im Regelfall noch nie im Internet gesurft, sie haben wahrscheinlich noch nie einen Computer benutzt oder ein Telefon. Das heißt nicht, dass sie nicht gebildet sind, aber die Zeit in Nordkorea ist ungefähr in den 1960er-Jahren stehen geblieben. Auf dem Niveau befinden sie sich.“

Demicks Buch und ihre vielen Schilderungen – nicht nur über das Leben in Nordkorea, sondern auch über die abenteuerliche Flucht nach China und die beschwerliche Weiterreise nach Südkorea – bieten einen seltenen Einblick in das Schicksal von Menschen, die aus einem Land kommen, das so gänzlich aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Und es ist noch dazu vielschichtig: Die geschichtlichen Hintergründe erklären die Ideologie von Kim Il-Sung und machen verständlich, was die Herrscher des Landes antreibt. Die Autorin beschreibt aber auch ganz aktuell, wie immer mehr Informationen nach Nordkorea gelangen – und wie das den Führungsanspruch der Herrschenden zunehmend bedroht. Und so ist es eines der besten Bücher über Nordkorea, die derzeit auf dem Markt sind.

Barbara Demick: Die Kinogänger von Chongjin. Eine nordkoreanische Liebesgeschichte. Das Buch ist erschienen bei Droemer/Knaur, hat 432 Seiten und ist für 19 Euro 95 zu haben, ISBN: 978-3-426-27438-5.

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